Liszt A Tempo III: Klaviersonate in h-moll

Es ist eines der transzendentesten Werke, die ich kenne: Franz Liszts grosse (und einzige) Klaviersonate in h-moll. Sie steht im Zentrum von Volume 9 des A Tempo Projekts. Je länger ich mich mit diesem Werk, seiner Interpretation und den Details der Komposition auseinandersetzte, desto mehr wurde mir die ungeheure Tiefe und zugleich Freiheit dieser Musik bewusst.

Die Sonate ist aufs erste nicht das zugänglichste Werk Liszts. Sie wird auch entsprechend wenig öffentlich gespielt. Aber wer sich hörend und natürlich auch spielend darauf einlässt, baut auf festen Grund, und der Entdeckungen sind kein Ende.

In meiner Einführung komme ich auf das Thema der Transzendenz zu sprechen und auf dessen geheimnisvollen Zusammenhang zum Tempo. Es ist in diesem Sinne kein Zufall, dass die bis auf weiteres abschliessende Aufnahme dieses Zyklus des A Tempo Projekts in dieser Sonate mündet.

Aufnahmeort ist der frisch renovierte Saal des Stadtcasino Basel, der über eine wunderbare Akustik verfügt. Als Instrument benutzte ich einen Bösendorfer VC280, der mit seiner Wärme und Fülle für die Interpretation von Liszts Musik perfekt geeignet ist.

Die Aufnahme erfüllt mich mit Stolz, und ich bin glücklich, sie hier teilen zu können!

METROPOLIS: Science Fiction aus der Stummfilmzeit

Der Stummfilm Metropolis von Fritz Lang aus dem Jahr 1927 ist eines der ikonischen Werke der Filmgeschichte. Sein Regisseur Fritz Lang setzte damit auf dem Gebiet der Filmarchitektur, der Bildsprache und der filmischen Erzählung neue Massstäbe. Der Film hatte eine bewegte Geschichte: drastisch gekürzt galt die Urfassung des Films lange Zeit als verloren. Doch 2008 geschah nach jahrzehntelanger Suche nach den verlorenen Teilen das «Wunder»: Im Filmarchiv von Buenos Aires wurde eine 16mm-Kopie der Originalfassung von 1927 ausgegraben. Seither liegt der Film vollständig vor.

Metropolis ist ein Meisterwerk des Science Fiction Genres. Die Thematik von verschiedenen Klassen sowie eines künstlichen Menschen ist aktueller denn je. Die Filmsprache und die Kulissen sind atemberaubend.

Ich freue mich riesig, das grosse Werk an den Zürcher Orgeltagen sowie (zweimal) an den St. Galler Stummfilm-Konzerten live begleiten zu können.

Zürcher Orgeltage: Samstag, 13. Januar 2024. 19:00 Uhr. Kirche St. Jakob am Stauffacher, Zürich. Webseite

St. Galler Stummfilm-Konzerte: Donnerstag, 18. Januar 2024, und Freitag, 19. Januar 2024, jeweils 19:00 Uhr. Kirchgemeindehaus St. Georgen, St. Gallen. Webseite

Einweihung der neuen Goll-Orgel

Am 3. September 2023 war es soweit: die neue Goll-Orgel in der Stadtkirche St. Laurenzen in St. Gallen erklang zum ersten Mal. Mehr als sieben Jahre der Planung und Vorbereitung lagen hinter uns. Anfang 2016 entwickelte ich die Idee der Surround-Orgel mit vier unterschiedlichen Pfeifenstandorten, die gemeinsam zu einem einzigen, den ganzen Kirchenraum erfüllenden Instrument werden. Seither war das Instrument im Detail geplant worden – in einer fruchtbaren und inspirierenden Zusammenarbeit mit Simon Hebeisen, dem Geschäftsführer der Orgelbaufirma Goll in Luzern.

Die Einweihung dauerte ganze zwei Wochen und enthielt Gottesdienste, Konzerte, Vespern und Vorträge. Ich bin sehr dankbar, wie warm die neue Orgel vom Publikum aus nah und fern aufgenommen wurde. Es war ein richtiges Fest!

Etwas machte die Einweihung in vielerlei Hinsicht speziell: das Instrument war nämlich nicht ganz fertig geworden. Die mächtigen Basspfeifen im Westen fehlten noch. Dies tat der Feierlichkeit keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Publikum und Veranstaltende freuen sich gleichermassen auf die Fertigstellung und die «eigentliche» Einweihung der Orgel, die voraussichtlich im April 2024 stattfinden wird.

Die Webseite des Orgelprojektes gibt näheren Einblick in das Instrument und vor allem auch die Veranstaltungen, die nun bevorstehen.

Der TVO-Beitrag zum Thema

Fotos: Klaus Stadler

Schubert A Tempo: die grosse c-moll-Sonate

Zum ersten Mal innerhalb des A Tempo Projekts beschäftige ich mich mit der Musik von Franz Schubert. Anders als Beethoven oder Chopin ist Schubert kein Komponist, der in Tempofragen oft diskutiert wird. Es gibt zu seinen Werken kaum Metronomzahlen oder andere konkrete Angaben zur Tempopraxis. Dennoch ist seine Musik prädestiniert, um sich mit Tempo auseinanderzusetzen.

Die Klaviersonate in c-moll D958 gehört zu dem Zyklus von Klavierwerken, die im letzten Lebensjahr Schuberts entstanden sind. Das Stück ist wie eine Sinfonie: dramatisch, gross und tief. Für meine Interpretation wählte ich einen unkonventionellen Ansatz: ich ging der Frage nach, welches Tempo das Stück hätte – wenn es gesungen wäre. Zum Hintergrund und zu dem überraschenden Ergebnis spreche ich in meinen Einführungen.

Aufnahmeort ist das Cuvilliés-Theater in der Münchner Residenz: ein prachtvolles Rokoko-Theater, das sich mit Schuberts Musik zu einer wunderbaren Symbiose zusammenfügt.

Die Surround-Orgel in St. Laurenzen entsteht

In der Stadtkirche St. Laurenzen in St. Gallen entsteht ein innovatives Orgel-Design. Zusätzlich zur bestehenden Orgel aus dem Jahr 1978 werden drei neue Pfeifenstandorte auf den drei Emporen der Kirche gebaut. Diese repräsentieren die drei Hauptklangfarben bzw. Pfeifenfamilien, die jede Orgel besitzt: Prinzipale (Westempore), Flöten (Südempore) und Streicher (Nordempore). Diese werden mit der bisherigen Orgel zu einem Gesamtinstrument verbunden, das den ganzen Kirchenraum mit Klang erfüllen wird.

In den Medien wurden viele Namen für das Instrument gefunden: Surround-Orgel, 3D-Orgel, quadrophonische Orgel… Am passendsten wäre jedoch der Name «Prisma-Orgel». Denn die Orgel wird akustisch das machen, was optisch ein Prisma mit dem Sonnenlicht macht: es fächert den Gesamtklang in die einzelnen «Spektralklänge» auf.

Das von mir entwickelte Konzept durchlief sieben Jahre der Planung und Konsolidierung. Die Zusammenarbeit mit Orgelbau Goll aus Luzern war und ist ungemein inspirierend und fruchtbar. Dank der Mithilfe vieler Menschen konnte auch die Finanzierung gesichert werden. Nun wird das Instrument tatsächlich gebaut, und die Vorbereitungen auf die Einweihung im September 2023 laufen auf Hochtouren.

Die Webseite www.laurenzen.ch gibt Auskunft und Einblick in die einzigartige neue Goll-Orgel.

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Eine Quelle der Ruhe: Chopins Nocturne in g-moll

Chopins Nocturne Op. 37 Nr. 1 entstand 1839. Im selben Jahr wurde der Érard-Konzertflügel gebaut, auf dem ich es spiele. Instrument und Werk gehen eine einzigartige Symbiose ein. Das Stück war eines der ersten Werke von Chopin, das ich als junger Pianist lernte. Bis heute liebe ich den choralartigen Mittelteil mit seiner warmen und tiefen Atmosphäre.

Aufgenommen als ein Encore zu Beethoven A Tempo III im Kulturzentrum La Prairie in der Nähe von Biel.

Bei Liszt im Unterricht: drei Beethoven-Sonaten

Der siebte Teil des A Tempo Projektes nähert sich dem Thema Tempo von einer neuen Seite. Auf den Spuren des grossen Beethoven-Interpreten Franz Liszt präsentiere ich drei Klaviersonaten von Beethoven, inspiriert von Anweisungen, die Liszt in seinen Meisterkursen in Weimar in den 1880er Jahren gegeben hat. Diese Meisterkurse sind reich dokumentiert. Es ist faszinierend, sich durch die Augen und Ohren von ZeitzeugInnen gleichsam in Liszts Schülerkreis einzureihen! Die Interpretation folgt damit weder einer Metronomzahl noch einer überlieferten Dauer, sondern musikalischen Gesichtspunkten.

Im Zentrum steht die berühmte sogenannte Mondscheinsonate in cis-moll. Liszts Interpretation des Stückes genoss im 19. Jahrhundert Kultstatus. Sein Schüler August Stradal überliefert erstaunlich genau, was Liszt im sphärischen ersten Satz gemacht hat, und gibt auch wertvolle Hinweise zur Interpretation der beiden Folgesätze.

In der Grande Sonate Pathétique in c-moll verfolge ich allgemeine musikalische Gesichtspunkte, die ich aus den Überlieferungen zu Liszts Beethoven-Spiel gewonnen habe.

In der Sonate Opus 90 schliesslich ist es ein einziges, scheinbar kleines Stichwort, welches das Tempo in ein neues Licht rückt und den Auslöser meiner Interpretation bildet – mehr dazu gibt es in meiner Einführung zu sehen und zu hören.

Die drei Sonaten plus die deutsche und englische Einführung sind nun auf meinem YouTube-Kanal publiziert.

Link zur Playlist auf YouTube

Link zur Einführung

Beethovens Hammerklavier-Sonate Opus 106 in Liszts Dauer

Es ist bereits der sechste Teil des A Tempo Projektes, und es ist eines der berühmtesten Werke innerhalb der Tempoforschung: Ludwig van Beethovens «Grosse Sonate für das Hammerklavier» in B-Dur Opus 106. Es ist das einzige Klavierwerk Beethovens, zu dem es originale Metronomzahlen gibt. Diese Metronomzahlen wurden bereits im 19. Jahrhundert in Zweifel gezogen. Umso bedeutsamer ist es, dass es von einem der massgebendsten Interpreten des 19. Jahrhunderts, Franz Liszt, eine eigenhändige Angabe zur Dauer des Werkes gibt: «presqu’une heure» – fast eine Stunde. Das ist mehr als zwanzig Minuten (!) mehr als die Dauer, die aus Beethovens Metronomzahlen hervorgeht.

Diesem Geheimnis wollte ich nachgehen, und ich wollte eine Interpretation erarbeiten, die Liszts Dauer umsetzt. Daraus entspann sich eine jahrelange Beschäftigung mit dieser Sonate, die in vielerlei Hinsicht eines der komplexesten Werke des gesamten 19. Jahrhunderts ist. 

Ich bin dankbar, die Aufnahme nun vorlegen zu können. Wir nahmen die Sonate in der Tonhalle St. Gallen auf, und ich konnte dafür einen ganz besonderen Flügel benutzen: Einen Bechstein-Konzertflügel von 1921, der einst eigens für den Pianisten Wilhelm Backhaus gebaut wurde. Das Instrument ist vollständig original erhalten und repräsentiert den Klang, den Franz Liszt zu seiner Zeit bereits kannte und liebte. So ist die Aufnahme in Klang und Interpretation eine Hommage an Franz Liszt.

Wie immer ist die Aufnahme von einer deutschen und englischen Einführung begleitet. Alle meine Videos sind auf meinem YouTube-Kanal verfügbar.

Link zum Hauptfilm 
Link zur deutschen Einführung
Link zur englischen Einführung

Liszt A Tempo II – Années de Pèlerinage. Deuxième Année: Italie

Das zweite Buch der Années de Pèlerinage von Franz Liszt ist mit «Italie» betitelt. Die sieben Klavierstücke gehören zum Schönsten, was Liszt geschrieben hat. Die berühmte Dante-Sonate gehört ebenso dazu wie die drei Petrarca-Sonette und das mystische «Il Penseroso». Alle Stücke haben Inspirationen in der Kunst und Dichtung der italienischen Renaissance.

Innerhalb meines A Tempo Projektes nimmt diese Aufnahme einen besonderen Platz ein. Es gibt weder Metronomzahlen noch überlieferte Dauern – dies ist meine «Kür», in der ich mich als Interpret ganz auf meine musikalische Intuition verlassen konnte. Der Aspekt der Entschleunigung, der in Liszts Werk eine grosse Rolle spielt, ist in diesen Stücken omnipräsent. So wird «Il Penseroso» zu einer meditativen Erfahrung von grosser Kraft, und die Dante-Sonate integriert Details in ihre musikalische Grösse, die sonst oftmals verloren gingen.

Der Aufnahmeort kommt der Magie der Musik nahe: das barocke Sommerschloss Belvedere in Weimar. Die Einführungs-Videos wurden im Liszt-Haus in Weimar gefilmt, Liszts letzter Lebensstätte.

Alle Videos sind mittlerweile auf YouTube verfügbar. Ebenfalls gibt es ein attraktives «Behind The Scenes»-Video, das Einblick in die Organisation und den geradezu spektakulären Flügeltransport gewährt.

Trailer
YouTube-Playlist 
Einführungsvideos auf Deutsch
Einführungsvideos auf Englisch
Tom R. Schulz im Gespräch mit Bernhard Ruchti
Behind The Scenes

Buch-Veröffentlichung

Ein grosser Moment: Mein neues Buch ist ab sofort im Handel erhältlich!

„…das Gewaltigste, was ich je auf der Orgel gehört habe“

Franz Liszts Ad Nos als Tor zur Wiederentdeckung einer verborgenen Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts

Das Buch erzählt die bewegte Geschichte rund um Franz Liszts Fantasie und Fuge über «Ad Nos, ad salutarem undam» für Orgel. Das Ausnahmewerk und seine berühmte Aufführung im Merseburger Dom 1855 sind nicht nur ein schillerndes Stück Musikgeschichte, sondern eröffnen auch einen einzigartigen Blick in Liszts Interpretation und Aufführungspraxis – und in sein Verständnis von Tempo. Kristallisationspunkt ist die überlieferte Dauer des Werkes unter Liszts Leitung: mit 45 Minuten unterscheidet sich diese von heutigen Gewohnheiten um mehr als 15 Minuten…

Mit zahlreichen bislang unveröffentlichten Quellen.

Mit einem Leitfaden zum hörenden Partitur-Studium.

Verlag Königshausen & Neumann

ISBN 978-3-8260-7242-0

Rezensionen:

Diane Kolin (für www.liszt-franz.com)
Musik und Liturgie
Franz Lüthi (für das Bulletin der OFSG)
Dieter David Scholz
Ars Organi
Musik und Gottesdienst
Het Orgel
Tijdschrft van de Franz Liszt Kring
Die Tonkunst

Bestellung Schweiz
Bestellung Deutschland & International

Bernhard Ruchti, Franz Liszts Ad Nos als Tor zur Wiederentdeckung einer verborgenen Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts

Ähnlich wie Bernhard Ruchti bereits im Vorwort seines Buches ein «Zusammengefasst lautet dieses Ergebnis» vorwegnimmt, tue ich dies auch in meiner Rezension mit der Feststellung, dass heute keine historisch affinen Interpretinnen und Interpreten von Franz Liszts Fantasie und Fuge «Ad nos, ad salutarem undam» an Ruchtis Forschungsarbeit vorbeigehen dürfen. Und mit einem ergänzenden «Sic!» soll dies hier deutlich unterstrichen werden.
Martin Hobi, Musik und Liturgie

Das Fazit der Publikation von Bernhard Ruchti orientiert sich an einem von Hans von Bülow geprägten Begriff vom «künstlerischen Virtuosentum» und mündet in den Terminus von einem «gemäßigten Grundtempo und an einen periodischen Vortrag sich anschließende Tempomodifikationen» (Ruchti). Ein umfangreicher Anhang mit weiteren Quellen und einem interessant ausgeführten Seitenblick auf die Interpretation von Julius Reubkes Orgelsonate rundet das lesenswerte Buch ab. Es sei allen, die sich mit Lisztscher Orgelmusik befassen, sehr ans Herz gelegt.
Felix Friedrich, Ars Organi